Piccards Ötztaler Landung
August Piccards Höhenweltrekord mit einem Fesselballon und seine Landung am Obergurgler Ferner 1931 oder „ad sanctam gondolam“

Piccard mit Mangutsch vor der Kugel © Ötztal Museum
Grundlage der gefahrenen Radtour ist der Versuch der Rekonstruktion der historischen Ballonfahrt von August Piccard und Paul Kipfer und dem dabei unfreiwillig aufgestellten Höhenrekord vom 27. Mai 1931 mit 15781 Höhenmetern, mit dem sie als erste Menschen in die Stratosphäre aufgestiegen sind und mit eigenen Augen die Erdkrümmung beobachten konnten. Entgegen der Zielplanung Füssen oder Verona landeten sie am Abend des 27. Mai. 1931 auf dem Obergurgler Gletscher. Den Flug versuchte eine ganze Heerschar von Journalisten zu folgen. Entdeckt wurde die Landung dann aber vom „Jakoben-Hansl“ aus Pirchitt. Erst am nächsten Tag wurde der dortige Pfarrer informiert, der einen Suchtrupp losschickte und Piccard und Dr. Kipfer unterhalb des Firns vorfanden.

Piccard und Kipfer © Ötztal Museum
Sie hatten die Nacht in der Gondel verbracht und waren körperlich ziemlich erschöpft. Erst nach einer 5-stündigen Wanderung konnten sie in einer Berghütte versorgt werden. Mittlerweile wurde die Nachricht von der Landung verbreitet und der Nachtrichtentross machte sich auf den Weg nach Obergurgl. Piccard reiste 2 Tage nach der Landung und unzähligen Interviews ab. Die Kugel blieb zunächst an ihren Landungsplatz, da der Abtransport als zu schwierig und kostenintensiv angesehen wurde. Die Kugel selbst wurde zum Touristenmagneten, in die Besucher durch die zerbrochene Scheibe hineinkrochen, Inventarteil als Souvenir mitnahmen und sich mit ihren in das Metall eingekratzten Namen „verewigten“. Damals nicht viel anders als heute. Nur hießen die Selfies noch anders.

Eventtouristen © Ötztalmuseum
Viele damalige Postkarten zeugen von diesen Vorgängen (siehe auch
https://oetztalermuseen.at/bilderspaziergang/bilderspaziergang90-jahre-piccard-notlandung/ und
https://oetztalermuseen.at/ad-sanctam-gondolam-piccard-notlandung-vor-90-jahren/: Eine entsprechende Festschrift darüber ist im Informationsbüro Obergurgl-Hochgurgl erhältlich). Ein Jahr später gelang dann doch die Bergung und die Kugel wurde in das Musée Royal de l´Armée nach Brüssel transportiert, wo sie sich heute noch befindet. Die Obergurgler verloren damit aber ihren Touristenhotspot. Der weiteren Tourismusentwicklung dieser Region hat das aber nicht geschadet, zumal mit dem Auffinden von „Ötzi“ ein neuer „Magnet“ gefunden wurde und entsprechend vermarktbar war.
Text- und Recherchegrundlage bildet die Erzählung „In der Luft“ von Norbert Gstrein, (dtv 2011). In ihr verwebt er 5 Erzählstränge von Augenzeugen oder Beteiligten an diesem Rekordflug, als da sind: Piccard und sein ihn begleitender Assistent Paul Kipfer, der Direktor der Ballonfabrik Augsburg Siegfried Kaltenegger (recte August Riedinger), der Ich- Erzähler und Chauffeur der den Ballon verfolgenden Honoratioren, der Bergführer Franz Joseph Schatz, der mit der Entdeckung des gelandeten Ballon auf dem Oetztaler Gletscher zeit Lebens hausieren ging und als fünften Strang den am Gletscher verunfallten Kuraten und seines Führers, dessen Schicksal Piccard seinem Assistenten aus einer mitgenommenen Zeitung vorliest. Piccard diente auch Hergé als Vorbild für den Professor Bienlein in der Comic Serie „Tim und Struppi“ und wohl auch Thomas Mann für seinen „Doktor Faustus“.
Großes Pressespektakel begleitete das „Himmelsgeschehen“ schon im Vorfeld. Nach dem missglückten ersten Startversuch, sah sich Piccard mit schadenfreudigen Verunglimpfungen auch aus dem Kreis der Fachgelehrten als „Münchhausen“oder als zweiter „Schneider von Ulm“ konfrontiert. Der medienträchtiger Transport der Gondel nach Augsburg verstärkte diese Skepsis noch.

Transport der Kugel als Medienereignis ©https://de.wikipedia.org/wiki/Auguste_Piccard
Er wurde nun erst recht zum „ Don Quichote auf seinem Trojanischen Pferd“. Der Ballon FNRS-1 mit seiner ca 2 Kubikmeter großen Metallkapsel startete zu seiner Stratosphärenfahrt vom Gelände der Ballonfabrik Riedinger in Augsburg aus. Heute befindet sich auf dem Gelänge in der Austraße 27 der Kulturpark West. Der geplante Flug sollte ursprünglich nur bis Mittag gehen und hatte Zürich oder seine Umgebung als Ziel. Doch Wind und der liebe Gott hatten anderes mit den Protagonisten vor. Stattdessen landete er in der Nacht auf dem Gurgler Ferner oberhalb des Hochjochhospiz bei Obergurgl und unterhalb des Similaun, an dessen Gletscher „Ötzi“ gefunden wurde (2017 errichte man dort die Piccard-Brücke). Zur Erinnerung an dieses Ereignis wurde 1989 in Obergurgl ein Denkmal errichtet

Zugspitze ©Hans-Jürgen Hereth
Bis dahin konnte man den Flug trotz aufkommender Wolkenbildung noch einigermaßen gut verfolgen. Seine „bunte“ Verfolgerschar logierte, nachdem sich keine zeitnahe Landung mehr abzeichnete, im Hotel Post in Partenkirchen. König Maximilian und sein Sohn Ludwig II. waren hier auch schon gern gesehene Gäste.

Hotel Post Partenkirchen ©Hans-Jürgen Hereth 2026
Gstrein beschreibt die Lage und den Flug der Gongel in die zunehmende Dunkelheit wie folgt:
„Ich wundere mich am meisten, wie die da oben mit der Stille zurechtkommen, und wer weiß, vielleicht ist´s die größte Schwierigkeit des ganzen Flugs, nicht verrückt zu werden“ (Gstrein S. 149). „ Die Berge schienen zum Greifen nah, auf Augenhöhe, und sie konnten ihre Grate und Kare erkennen, glänzend, Gipfelkreuze mit und ohne Strahlenkranz, und es war ein riesiges Maul, das sie verschlang, mit seinen von Horizont zu Horizont sich ziehenden Zahnreihen mit ihren schlecht aufgesetzten, in Zungen auslappenden Schnee- und Eisplomben, mit den Kariesrissen und –schründen ihrer Rinnen, die sich entweder dunkel in der Finsternis verloren oder milchig weiß waren von den darin schäumenden und stiebenden Bächen (Gstrein S. 228).

Flugbahn des Ballons über den Fernpass ©Hans-Jürgen Hereth 2026
Dann endlich die Landung:
„Wir hatten uns an die Dunkelheit im Inneren der Gondel noch gar nicht gewöhnt, und es war das Geräusch der zufallenden Luken, das uns schwer in den Ohren lag, oder die folgende Stille – wer weiß -, als es los ging. Mit einem Scheppern, Metall gegen Metall, und alles, was nicht niet- und nagelfest war, kam ihnen entgegen. Auffangen, halten, immer andere Teile der Apparatur, unseres Hab und Gutes in den Händen – es war ein Kunststück. Hin- und hergeworfen, vermochten sie sonst nichts zu tun, und ihre Schläge gegen die Kabinenwand wurden mit Schlägen von außen beantwortet, mit einem unvergleichbaren Lärm.(,..) Das gleichmäßige Brummen, das zu hören war, kam von den Sauerstoffapparaten, und es ging uns schnell in Fleisch und Blut über, von Anfang an etwas Organisches, ganz und gar zugehörig, O2. farb-, geschmack-, und geruchlos – wir waren froh, wenigstens das Geräusch zu haben, und lauschten, als lauschten wir unserem eigenen Herzschlag “ (Gstrein, S. 123/124).
Soweit die historische und literarisch verarbeitete Geschichte. Die diese nachstellende Radtour sah dann jedoch etwas anders aus.
Garmisch-Partenkirchen - Fernpass –Nasserreith – Obsteig – Telfs – Leutasch – Mittenwald – Farchant: gefahren 114 km, 1200 Hm auf, ca. 7 Std. Fahrt
Eigentlich sollte die Tour der historischen Strecke entsprechend ab Garmisch über die Zugspitze und den Fernpass ins Ötztal nach Obergurgl zum Landungsplatz des Ballon führen. Mit dem Zug nach Garmisch, von dort mit dem direkten Anschlusszug nach Ehrwald und von da die Via Claudia Augusta bis Imst und ab Oberstetten den Inn Radweg bis Ötztal Bahnhof. Ab da mit dem Bus (Radmitnahme) bis Obergurgl und dann ab Sölden den Ötztal Radweg zurück zu Ötztal Bahnhof. Weiter bis Telfs und von dort mit dem Bus nach Leutasch. Vor hier aus weiter bergab bis Mittenwald. Ausgedacht als lange Tagestour (ca. 130 km) mit entspannenden Zubringerstrecken mit dem Bus. Daraus wurde dann aber nichts.
Der Zug aus München hatte Verspätung und somit konnte ich den Anschlusszug nach Ehrwald auch nicht mehr erreichen. Dann eben doch die Strecke mit dem Rad fahren. Es geht immer stetig Loisach aufwärts auf zumeist schottrigen Forststraßen. Nicht unbedingt mein Lieblingsuntergrund und gefühlt fährt man da mit angezogener Handbremse und im Schatten der Zugspitze ist es morgens noch ganz schön frisch. Zu Jugendzeiten bin ich die Bundesstraße immer mit dem Rennrad gefahren, war wegen der vielen Holzlaster auch nicht schön. Ab Ehrwald geht es mit schöner Teerstraße und wie bisher gut ausgeschildert weiter. Doch das Via-Zeichen habe ich nicht gesehen. Ab Biberwier führt der Radweg dann zunächst parallel zur Bundesstraße, um dann auf geschotterten Forstwegen mit immer wieder schönen Seiten- und Rückblicken weiter nach oben zu führen. Mit meinem Rad ist das noch einigermaßen gut zu fahren. Überholt haben mich dann auch viele ältere Herrschaften mit sehr gut ausgestatteten E-Bikes und sportliche Bergfahrer mit ebensolchen Geräten. Mit einem „normalen“ Rad war ich der einzige. Kein Gravelbike oder Rennrad. Relativ weit oben angekommen kommt dann die erste Abfahrt.

geschunden am Berg Hans-Jürgen Hereth 2026
Da eiern dann die ersten mit ihren auffrisierten Rädern ziemlich rum. Überholen ist auch nicht möglich. Oben angekommen sind meine Vorfahrer dann plötzlich alle weg. Durch die Burg hindurch, deren Durchfahrt mit Widerruf gestattet ist, geht dann es Richtung Imst. Spätestens ab da hätte ich mal lieber im Vorfeld die Wegbeschreibung lesen sollen. Ich bin davon ausgegangen, dass die Via Claudia Augusta wie ich sie bisher kennengelernt habe, gut befahrbar ist. Mit dem Rennrad bin ich damals halt die Bundesstrasse gefahren. Jetzt befinde ich mich auf einem ziemlich schmalen, vielfach ausgewaschenen Weg mit vielen Steinen und Kiesbetten, der mit oftmals 20% Gefälle und mit einigen Schiebestellen abwärts führt und die alte Römerstraße sein soll. Mag sein. Überholt gaben mich 2 Mountainbiker und sonst habe ich niemanden gesehen, Hochgefahren ist da niemand. Hätte ich mit meinem Rad auch nicht gemacht. Es gibt für die Strecke bis Nasserreith nämlich einen Busschuttle, den dann viele bzw. wohl die meisten in Anspruch genommen haben.
Ab Nassereith war klar, dass ich meinen ursprünglichen Tourplan mit dem Ausflug ins Ötztal kippen kann. Zu anspruchsvoll und stressig war der Weg über den Fernpass bis hierher und ob ich dann die geplanten Anschlüsse mit den Bussen und dem letzten Zug ab Mittenwald erreichen würde, war mehr als unklar. Also umdisponieren und ein Foto des wahrscheinlichen Flugwegs des Ballons über den Fernpass hinweg machen. Um gedreht und was steht da? Ein grünes Schild mit der Aufschrift Telfs 26 km. Das passt ja gut, spare ich mir die Abfahrt nach Imst und den weiteren Weg am Inn entlang. Was so nah aussah, hat sich dann doch als ziemlich knackiger Anstieg erwiesen. Lange ging es auf (immerhin) Teerstraßen den nächsten Berg bzw. Kamm hoch. Scheinbar sehr beliebte Strecke bei ambitionierten E-Bikern und Rennradlern (manche mit 3 Trinkflaschen in den Trikottaschen). Was den Fernpass hoch nicht nötig war, hat mich hier eingeholt. Die letzten Kehren hab ich dann doch mein Rad geschoben.

Flugrichtung Ötztal © Hans-Jürgen Hereth 2026
Irgendwann vor Obsteig scheiden sich dann wieder die Wege und nach Befragung einer Reiterin entscheide ich mich für den geradeaus führenden und lande mal wieder auf einen Schotterweg, den jedoch gut zu befahren und landschaftlich sehr schön ist. Ab Obsteig habe ich aber dann genug von Radwegen und will nur noch „rollen“. Bis Telfs geht es dann ziemlich flott die Bundesstraße hinunter. Ich habe dann auch gleich die Bushaltestelle gefunden. Eine dreiviertel Stunde warten, da die Busse nur alle 2 Stunden verkehren. Pause machen oder doch losfahren? In Erinnerung aus einer Tour in Gegenrichtung habe ich einen langen steilen Anstieg. Dass der auf schmaler Straße 500 Hm beträgt habe ich vergessen oder verdrängt. Also doch lieber gewartet. Auf der anderen Seite hielt in der Zwischenzeit der Zubringerbus zum Bahnhof Ötztal. Wie vorher beim Tourismusbüro in Erfahrung gebracht, ist die Fahrradmitnahme im Bus in die Leutasch möglich – Fahrrad, nicht E-Bike! In Leutasch Gaistal bin ich wieder, nach den überbrückten Höhenmetern und vielfachen grandiosen Blicken ins Inntal, aus dem Bus ausgestiegen. Weiter mit dem Rad immer leicht bergab bis Mittenwald. Noch einigermaßen fit habe ich mich dann für den Rückweg nach Garmisch mit dem Rad entschieden. Bis auf ein paar kleinere Anstiege geht es meist bergab. Abkürzen kann man über den Schmalensee, der mit zunehmender Austrocknung und Verlandung zurecht seinen Namen trägt. Aber dann hätte ich wieder die paar Serpentinen die Kuppe hochfahren müssen. Und das was an dem Tag einfach nicht mehr drin. In Klais kann man dann einen originalen Römerweg, diesmal die Via Aurelia, besichtigen. Er steigt links im Wald vor dem Mauthaus Elmau an und führt so in seiner originalen Gestalt bis zu den Buckelwiesen.